Tom Emerson

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Leseprobe

 
 

Hier eine kleine Leseprobe von "Tödliches Gold":


Kapitel 1

Nicobar Islands

Das Meer lag träge und ruhig in der Nachmittagssonne, wie ein schlafender Riese. Der Himmel strahlte in leuchtendem Azur, und auf der Wasseroberfläche spiegelte sich das Sonnenlicht wie in einem glitzernden Teppich aus Diamanten. Nur am Horizont  türmten sich ein paar Quellwolken. Von Norden wehte eine sanfte Brise über die endlose Weite des Wassers, aber sie brachte kaum Abkühlung.
Die Harmattan ankerte etwa fünfhundert Meter vor Kamquali Island, einer kleinen felsigen Insel in der südlichen Andamansee. Die Insel war unbewohnt – ein Wunder angesichts ihrer geradezu paradiesischen Schönheit. Weißer  Sandstrand umsäumte eine weitläufige Bucht. Dahinter drängte sich dichter Regenwald, urtümlich und erhaben, bis hinauf zu der etwa dreihundert Meter hohen Felsenklippe, die den höchsten Punkt der Insel bildete.
Nirgendwo schien man der Ewigkeit näher zu sein als hier.
Das perfekte Idyll wurde nur durch eine Folge lautstarker Flüche und Drohungen gestört, die vom Achterdeck der Harmattan kamen: „Gottverdammt noch mal! Ausgerechnet jetzt! Du verfluchtes Miststück denkst wohl, du kannst  mich so einfach im Stich lassen! Aber das wirst du noch bereuen! Ich prügele dich windelweich!"
Sogleich erfüllte ein metallisches Schlagen die Luft, wieder und wieder, wie das Klirren von aufeinanderprallenden Schwertern. Diego Camaro lag bäuchlings auf dem Achterdeck, den Oberkörper tief in die Maschinenluke gesteckt. Keuchend hielt er  inne und begutachtete die Schrammen, die der Schraubenschlüssel in seiner Faust auf dem Motorblock hinterlassen hatte. Dieses verdammte Stück Technik! Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte es gestern den Geist aufgegeben, unerwartet, wie aus  dem Nichts. Plötzlich hatte es einen lauten Knall gegeben, und gleich darauf war dichter schwarzer Qualm aus der Maschinenluke hervorgequollen. Seitdem saß er hier fest.
Diego Camaro hieb noch einmal halbherzig gegen den Motorblock, dann schob er sich kopfschüttelnd aus der Luke heraus. Es hatte keinen Sinn. Reparieren konnte er den Motor nicht, schon gar nicht ohne Ersatzteile. Und den Motor anzuschreien und mit dem  Schraubenschlüssel darauf einzuschlagen, ergab nun wirklich keinen Sinn. Zwar fühlte er sich jetzt besser, die Wut war wie weggeblasen, aber zum Laufen bringen würde er den Motor auf diese Weise nicht.
Mit einem Stofflappen wischte er sich den Schweiß vom Gesicht und betrachtete seine ölverschmierten Hände. Dagegen musste er dringend etwas unternehmen.
Nachdem er sich im Bad die Hände geschrubbt und das Gesicht gewaschen hatte, begutachtete er sich nachdenklich im Spiegel. Er sah ausgemergelt aus. Nicht dürr, aber hager. Normalerweise wog er mit seinen eins vierundachtzig achtundsiebzig Kilo,  aber die letzten Wochen hatten an ihm gezehrt und ihn mindestens acht, wenn nicht gar zehn Pfund gekostet. Seine Schatzsuche hatte ihn so sehr in Beschlag genommen, dass er kaum ans Essen gedacht hatte. Außerdem waren die Vorräte knapp geworden.  Da er seine Suche nicht unnötig unterbrechen wollte, hatte er sich seine letzten Konservendosen genau eingeteilt.
Mit kritischem Blick begutachtete er sich im Spiegel genauer. Die Tropensonne hatte seiner Haut einen kräftigen bronzefarbenen Ton verliehen, aber sein Gesicht sah irgendwie eingefallen aus. Seine dunkelbraunen Augen schienen noch tiefer in ihre Höhlen  zurückgesunken zu sein, und seine Wangen wirkten eingefallen, beinahe hohl. Sein Stoppelbart und seine zerzausten schwarzen Haare ließen ihn aussehen wie einen Straßenbettler.
Aber für wen hätte er sich hier, im Herzen der Einsamkeit, zurecht machen sollen? Seit Penelope nicht mehr bei ihm war, legte er auf Äußerlichkeiten sowieso keinen Wert mehr.
Er ging zum Kühlschrank, wohl wissend, was ihn dort erwartete: gähnende Leere –  bis auf die letzte Dose Bier. Wenn er die getrunken hatte, würde es nur noch Wasser und Tee für ihn geben, je nachdem, wie lange er hier feststeckte. Er  hatte sich so sehr in seine Schatzsuche verbissen, dass ihm alles andere gleichgültig gewesen war, sogar der schwindende Proviant.
Wie dumm darf ein einzelner Mensch überhaupt sein, dachte er. Aber wenn er sich ein Ziel gesteckt hatte, gab er nun mal nicht so schnell auf, Proviant hin oder her.
Im Schatten unter dem Sonnendach ließ er sich das Bier schmecken, während die Wellen sanft gegen den Rumpf der Harmattan klatschten. Die Jacht war von Anfang an eine große Liebe gewesen, mit allen dazugehörenden Höhen  und Tiefen. Mit ihren dreißig Jahren war sie mittlerweile eine alte Dame und gewiss nicht so schnittig wie ihre jüngeren Schwestern, die heutzutage durch die Ozeane kreuzten. Sie war klobiger und schwerfälliger, und ihre Fassade war längst  nicht mehr makellos, sondern übersät von unzähligen Schrammen. Vor allem bockte und zickte sie immer wieder, so wie heute. Aber gerade diese kleinen Fehler und Eigenheiten machten ihren Charme aus. Die Harmattan war kein perfekt  gestyltes Püppchen, keine makellose Barbie-Schönheit. Sie war eine Frau im besten Alter, mit eigenem Willen und eigenem Charakter. Außerdem war sie eine handfeste Erinnerung an eines der größten Abenteuer, das Diego Camaro je erlebt hatte.
Im Moment lag das allerdings gefühlte hundert Jahre zurück, in einer fernen, verschwommenen Vergangenheit. Viel zu sehr war Diego in der Gegenwart gefangen, und die hatte nicht nur damit zu tun, wie lange er hier noch ausharren musste, sondern vor  allem mit seiner Suche nach diesem verflixten Wrack, die ihn in diese Gewässer verschlagen hatte.
Er nippte an seinem Bier und genoss es, wie die kühle Flüssigkeit seine Kehle hinunterrann. Sein Blick glitt über die unendliche Weite des Meeres, und er spürte, dass er seinem Ziel näher war als jemals zuvor.
Schon seit Wochen durchstreifte er mit der Harmattan die südliche Andamansee, das Sonar dabei stets auf Empfang und das Magnetometer im Schlepptau. Hier irgendwo musste sie auf Grund liegen, die Königin der  gesunkenen Galeonen, der Traum jedes Schatztauchers. Die Flor de la mar. Das Flagschiff der portugiesischen Indienflotte.
Im Jahr 1512 war die Flor nach einem Raubzug auf Malaysien von Malakka aus in See gestochen, um den Rückweg zur damaligen Hauptstadt von Portugiesisch-Indien anzutreten: Goa. Unter dem Befehl von Gouverneur Alfonso de Albuquerque  hatte die portugiesische Streitmacht reiche Beute gemacht. Historischen Quellen zufolge befanden sich im Rumpf der Galeone sechzig Tonnen Gold, zweihundert Kisten voller Diamanten, mit Edelsteinen besetzte Statuen und mit Blattgold überzogene  Sänften. Sogar der Thron der Königin von Malakka war angeblich  mit an Bord gewesen.
Doch dann war die Flotte vor der Ostküste Sumatras in einen gewaltigen Sturm geraten. Die Flor de la mar kenterte und wurde in die Tiefe gerissen – mit allem, was sich in ihrem Innern befand. Manchen Quellen zufolge  belief sich der heutige Wert der Ladung auf bis zu acht Milliarden US-Dollar. Manche Experten griffen bei ihren Schätzungen sogar doppelt so hoch. Eine ungeheure Summe, für die alle Anstrengungen, alle finanziellen Risiken und alle Entbehrungen  sich lohnten. Doch obwohl es schon viele versucht hatten – Einzelkämpfer wie Diego bis hin zu professionell ausgestatteten Suchmannschaften –, war es bislang niemandem vergönnt gewesen, diesen riesigen Schatz zu finden. Irgendwann  hatte jeder aufgegeben.
Auch Diego ging allmählich die Luft aus. Genauer gesagt, das Geld. Das war typisch für ihn – chronischer Geldmangel. Seit er seine dunkle Vergangenheit hinter sich gelassen hatte, ließ er sich vom Leben treiben,  stets auf der Suche nach Abenteuern und nach schnellem Gewinn. Er hatte auch schon einige Erfolge vorzuweisen: Überall auf der Welt hatte er verloren geglaubte Relikte aus untergegangenen Kulturen aufgespürt, Die Aufträge dafür waren von reichen  Privatsammlern gekommen, die ihn angemessen dafür entlohnt hatten. Aber aus irgendeinem Grund zerrann Diego das Geld immer zwischen den Fingern.
Diesmal sogar besonders schnell, was vor allem daran lag, dass er ausnahmsweise auf eigene Rechnung arbeitete. Der Unterhalt für die Jacht – den einzigen Wertgegenstand, der ihm von seinen früheren Abenteuern geblieben war – kostete  ein kleines Vermögen. Die angemietete Ausrüstung, die er für das Absuchen des Meeresgrunds benötigte, war auch nicht gerade als billig. Und dann war da noch die Sache in Phuket, wo Diego einen beträchtlichen Teil seines damals noch vorhandenen  Geldes in Hunderennen investiert hatte. Der Geheimtipp hatte Taifun geheißen und mit einer Quote von sieben zu eins einen ordentlichen Gewinn versprochen. Leider war dieser Taifun auf dem Rennplatz nur ein laues  Lüftchen gewesen und hatte das Ziel nur als Vorletzter erreicht.
Und jetzt streikte auch noch der Motor.
Aber es hatte keinen Sinn, sich über Dinge aufzuregen, die nicht mehr zu ändern waren. Einen Hilferuf hatte er schon per Funk abgesetzt, jetzt konnte er nur noch warten.

Am Abend hatte das Warten endlich ein Ende. Aus dem glühenden Feuerball der untergehenden Tropensonne schälten sich die Umrisse eines Flugzeugs, zuerst noch verschwommen und klein, aber schon bald nahm es Konturen an. Es war ein Wasserflugzeug,  das verrieten der bauchige Rumpf und die beiden Schwimmer darunter. Als es näher kam, erkannte Diego, dass es sich nicht um eine kleine Sportmaschine handelte, sondern um ein Transportflugzeug, wie es auch von der Küstenwache benutzt wurde. Diego  lächelte zufrieden. Die indischen Behörden schienen seinen Hilferuf erhört zu haben.
Das Motorgeräusch wurde lauter und änderte sich. Das helle Knattern wich einem dumpfen Tuckern, als der Pilot für den Landeanflug Gas wegnahm. Die Maschine sank tiefer, bis sie zischend auf dem Wasser aufsetzte, durch die Reibung abgebremst wurde  und schließlich nur noch träge auf den sanft tanzenden Wellen ritt. Dann wurde das Motorgeräusch wieder heller, und das Flugzeug steuerte schwimmend auf die Harmattan zu.
Gegen die tief stehende Sonne konnte Diego noch immer keine Details erkennen. Aber er war jetzt ziemlich sicher, dass es keine Maschine der Küstenwache war. Vielleicht ein privater Rettungsdienst. Das gefiel ihm allerdings nicht besonders, weil er  dann die Kosten für diesen Flug womöglich aus eigener Tasche zahlen musste.
Das Flugzeug war jetzt nur noch zwanzig Meter entfernt. Der Motor ging aus, die vier Flügelpropeller wurden immer langsamer und blieben schließlich stehen. Mit letztem Schwung drehte die Maschine bei. Dann öffnete sich die Ladeluke und ein Mann  mit arabischem Kopftuch und strahlend weißem Umhang lächelte Diego entgegen. Er war dünn, beinahe zierlich, aber nicht auf eine zerbrechliche, sondern auf die drahtige Art und Weise. Seine Nase ähnelte dem Schnabel eines Habichts, und auch  seine Augen hatten etwas von einem Raubvogel. Mit seinen hohlen Wangen und seinem Spitzbart sah aus wie einer der vierzig Räuber aus Ali Baba.
Diego hatte plötzlich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Ihm gegenüber stand Khalid Aghani – der Mann, vor dem er eigentlich untergetaucht war.
„Ich freue mich, dich zu sehen, alter Freund!", rief Khalid ihm mit arabischem Akzent zu. Das Lächeln in seinem Gesicht wirkte bedrohlich. „Wie ich sehe, lässt du es dir gutgehen. Sogar eine Jacht hast du. Ich nehme an, wer sich so  ein Prachtstück leisten kann, kann auch seine Schulden bezahlen."
„Du kommst wie immer gleich zur Sache", entgegnete Diego. Er bemühte sich, cool zu klingen.
„Geschwätz ist was für Waschweiber." Noch immer dieses kalte, boshafte Lächeln. „Außerdem, wie lange warte ich nun schon auf mein Geld? Ein Jahr? Da darf man ja wohl gleich zur Sache kommen, findest du nicht?"
Genau genommen waren es sogar über fünfzehn Monate, und es ging immerhin um drei Millionen Dollar. Nicht dass Khalid den Verlust nicht hätte verschmerzen können – er war ein weitläufiger Verwandter der Familie Saud und saß dick  im Ölgeschäft. Drei Millionen, die zahlte Khalid jede Woche aus der Portokasse. Aber Diego wusste: Eher würde Khalid sich seinen Hintern mit Fünfhundert-Dollar-Scheinen abwischen, als ihm das Geld zu schenken.
„Ob du es glaubst oder nicht, ich bin hier, um meine Schulden zu bezahlen", sagte Diego.
„Interessant. Für mich sieht das eher wie Urlaub aus. Ein teurer Urlaub. Auf meine Kosten."
„Du kennst mich. Ich bin nicht der Typ für Urlaub."
„Du bist aber auch nicht der Typ für Arbeit."
Wider Willen musste Diego grinsen. „Für ehrliche Arbeit wohl nicht. Aber für lukrative. Und das hier ist lukrativ."
Einen Augenblick lang sahen die beiden Männer sich übers Wasser hinweg an.
„Wie willst du mich bezahlen?", rief Khalid schließlich. „Gleich hier in bar?"
„Ich brauche noch etwas Zeit. Aber ich bin ganz nah dran."
„Natürlich. Wie immer."
„Khalid, ich schwöre dir, in ein paar Wochen bekommst du dein Geld. Mit Zins und Zinseszins."
Khalid schüttelte den Kopf. „Vergiss es. Ich bin nicht hier, um mich mit leeren Versprechungen abspeisen zu lassen. Ich werde dir ein Geschäft vorschlagen. Eins, das du nicht ablehnen kannst." Dabei versuchte er, die Stimme von Marlon Brando  in The Godfather zu imitieren, was mit seinem arabischen Akzent jedoch kläglich scheiterte. „Lass dein Beiboot zu Wasser und komm rüber. Wir müssen reden."
Diego zögerte. Er hatte das sichere Gefühl, dass er in eine Falle gelockt werden sollte. „Tut mir leid!", rief er. „Das Beiboot ist defekt."
Als hätte er mit dieser Antwort gerechnet, gab Khalid ein Zeichen  in den Frachtraum. Sofort tauchte ein etwa fünfzigjähriger glatzköpfiger Mann auf, mit exakt gestutztem rötlich hellgrauen Vollbart und einem ausladenden Schnauzer, wie  er vor hundert Jahren einmal modern gewesen war. Auf der Nase trug er eine messingfarbene Nickelbrille. Über dem Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln spannten sich ein paar breite khakifarbene Hosenträger. Er hätte gut und gerne Preisringer  sein können. In der Hand hielt er eine Maschinenpistole.
„Ich glaube, du kennst Monsieur McCoyle noch nicht", sagte  Khalid.
Diegos Blick wanderte von der Maschinenpistole zu dem Patronenband, das bis auf den Boden der Frachtmaschine reichte und sich dort ringelte wie eine schlafende Boa constrictor. War das ein Bluff, oder würde Khalid wirklich Ernst machen?
„Wir hatten noch nicht das Vergnügen", gab Diego zurück.
„Ich schlage vor, dass dein Beiboot jetzt wieder funktioniert", rief Khalid. „Sonst muss ich Monsieur McCoyle bitten, dich ein bisschen zu motivieren. Also, was ist?"
Diego überlegte. Auch er hatte ein paar Waffen an Bord, eine Pistole, ein Gewehr und sogar ein paar Handgranaten – schon allein, um sich im Fall eines Piratenangriffs zur Wehr setzen zu können. Aber bis er die zur Hand hatte, würde der  Glatzkopf die Harmattan schon in einen Schweizer Käse verwandelt haben.
Ich habe mich bluffen lassen wie ein blutiger Anfänger, dachte Diego missmutig.  Ihm war ein bisschen mulmig, aber das wollte er sich auf keinen Fall anmeken lassen. Khalid war sauer auf ihn, kein Zweifel. Und wenn er sauer war, konnte er richtig unangenehm  werden.
Mit der Seilwinde ließ Diego das Beiboot zu Wasser. Ein kurzer Zug an der Reißleine, und der Motor sprang an. Kurz darauf hatte er auch schon die wenigen Meter bis zum Wasserflugzeug zurückgelegt.
„Binde das Boot fest und komm rein", sagte Khalid.
Diego gehorchte.
„Und was jetzt?", fragte er, als er über den Schwimmer in den Frachtraum geklettert war. „Was für ein Geschäft willst du mir vorschlagen?"
Die Antwort kam nicht von Khalid, sondern von dem Glatzkopf mit Bart, und sie kam nicht verbal, sondern brachial – in Form einer geballten Faust direkt gegen den Unterkiefer. Diego fiel zu Boden, der Schmerz sprang ihn an wie ein hungriges Raubtier,  und es wurde schwarz um ihn.


Kapitel 2

London

Heute ist ein guter Tag! Das spürte Emilia Emmerson in jeder Faser ihres Körpers, während sie ihr BMW-Cabrio durch den dichten Mittagsverkehr in Richtung Westen lenkte, wo sich in Chiswick die Studios von E-TV  befanden. Der  Himmel war grau und düster, typisch englisch eben, dennoch war es so mild, dass Emilia das Verdeck geöffnet hatte. Ihre schulterlangen naturblonden Haare flatterten im Fahrtwind. Sie genoss die frische Luft auf ihrer Haut, auf ihren Händen, die  das Steuer hielten, und auf ihrem weichen herzförmigen Gesicht, das im Lauf der letzten Jahre, genau wie ihr Körper, ein wenig – nun, sie bevorzugte das Wort weicher – geworden war. Nicht besorgniserregend. Noch  nicht. Aber mit ihren vierunddreißig Jahren kam sie allmählich in ein Alter, in dem man etwas für sich tun musste. Sie nahm sich vor, wieder öfter Sport zu treiben. Der Tag war wie geschaffen für gute Vorsätze.
Ja, heute ist ein guter Tag, wiederholte sie in Gedanken. Und er kann sogar noch besser werden. Vorausgesetzt, ich verspäte mich nicht.
Emilia warf einen Blick auf die Uhr. Schon kurz vor elf. Das Interview mit der Hollywood-Diva Amanda Carper hatte länger gedauert als geplant. Aber so war das Leben eines Reporters nun mal, eine einzige Hetze von Termin zu Termin, immer auf  der Jagd nach einer guten Story – oder noch besser: nach einer Sensation. Und dass Amanda Carper ein Kind vom britischen Verteidigungsminister erwartete, war eine Sensation! Vor allem, weil die Öffentlichkeit von dieser Liaison  noch gar nichts wusste.
Emilia gestattete sich ein triumphierendes Lächeln. Irgendwann  einmal hatte sie eine mit viel Lob angereicherte Reportage über eine Veranstaltung im Four Seasons gemacht, seitdem hatte sie bei Carl Donovan, dem Manager des Hotels,  einen Stein im Brett. Heute Morgen hatte Donovan sie angerufen und ihr ganz im Vertrauen mitgeteilt, dass Amanda Carper sich im Hotel einquartiert hätte – unter falschem Namen, und genau das hatte Emilias Neugier geweckt. Also war sie mit ihrem  Kameramann Chris zum Four Seasons gefahren und hatte Amanda Carper abgepasst, die sich zuvor mit ihrem heimlichen Geliebten getroffen hatte und von ihm erfahren hatte, dass er sich keinesfalls öffentlich zu ihrem gemeinsamen Kind  bekennen werde. Das hatte sie dermaßen in Wut versetzt, dass ihr das Angebot eines Interviews gerade recht gekommen war. Emilia hatte sie gar nicht erst zum Reden auffordern müssen. Enttäuschung, verletzter Stolz und Zorn hatten sich in einer  Art und Weise Bahn gebrochen, wie ein Reporter es sich nur erträumen konnte. Amanda Carper hatte nichts ausgelassen: Tränen, Bitterkeit, wüste Beschimpfungen inklusive einer an der Wand zerschmetterten Blumenvase – und das alles vor laufender  Kamera. Gott, das Leben konnte so schön sein!
Chris hatte die Filmaufnahmen sofort zur Nachbereitung ins Studio gemailt. Spätestens in den VIP-News um zwei würde die  Reportage ausgestrahlt – und einschlagen wie eine Bombe.
Eine gute Reportage war wie eine Jagd – aufregend, aber auch anstrengend. Das hatte Emilia schnell gelernt. George, ihr Verflossener, hatte sie irgendwann einmal als hungrige Wölfin bezeichnet, die ihre Beute mit Ausdauer und Geschick verfolgte  und zielsicher erlegte.
Emilia hatte das als Kompliment aufgefasst.
Sie wusste, dass sie gut war in ihrem Job. Der Erfolg eines Reporters hing von drei Faktoren ab: Hartnäckigkeit, Instinkt und Erfahrung – alles Eigenschaften, die Emilia besaß. Sie war sogar eitel genug, um sich einzubilden, sie sei die beste  Reporterin, die E-TV jemals gehabt hatte. Und heute war der Tag, an dem sich ihr Talent und ihr unermüdlicher Einsatz für den Sender endlich auszahlen würden.
Endlich erreichte sie das Studio. Es lag am Stadtrand von London und damit verkehrstechnisch alles andere als günstig, aber im Zentrum wären die Mieten für ein derart großes Grundstück unerschwinglich hoch gewesen. Das Firmengelände  von E-TV war etwa so groß wie drei Fußballfelder. Darauf standen ein siebenstöckiger Verwaltungskomplex, ein großes Studio für die Filmaufnahmen, das an einen Flugzeughangar erinnerte, ein kleineres Studio für die  Produktion von Shows und mehrere kleinere Nebengebäude.
Emilia passierte das Pförtnerhäuschen am Eingang des Firmengeländes und parkte ihren BMW auf dem Innenhof. 11.13 Uhr. Noch zwei Minuten. Punktlandung. Jetzt durfte sie keine Zeit mehr verlieren.
So schnell es ihre höllisch schmerzenden neuen Pumps erlaubten, eilte sie zum Verwaltungsgebäude. Kathy, der Dame hinter der Empfangstheke, warf sie nur ein kurzes Nicken zu. Der übliche Plausch musste heute ausfallen.
Der Lift öffnete sich mit einem sanften Glockenschlag. Emilia stieg ein und drückte den Knopf für die siebte Etage. Die Fahrt nach oben nutzte sie, um sich die Lippen nachzuziehen und einen letzten prüfenden Blick in den Handspiegel zu werfen.  Dann hatte sie ihr Ziel erreicht.
Wieder ertönte  die Liftglocke. Die Türen glitten auf, und Emilia hatte das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Sie war schon oft hier oben in der Chefetage gewesen, dennoch wunderte sie sich jedes Mal über die hier herrschende Atmosphäre  von Würde und Erhabenheit. Hier gab es keine nackten weißen Wände oder gar Beton wie in der Lobby, hier beherrschten edle Hölzer das Bild. Elegante Glasvitrinen mit Sammelobjekten aus aller Welt verströmten einen Hauch von Exotik. Schwarz-WeißFotografien  aus den Gründertagen des Senders atmeten Geschichte. Alles hier oben wirkte wie für die Ewigkeit gemacht.
Es war zweifellos schön hier oben. Und luxuriös. Aber dadurch auch irgendwie fremd und Ehrfrucht gebietend. Wann immer sie hier oben gewesen war, hatte Emilia ein gewisses Unbehagen verspürt.
Sie atmete tief durch, um sich zur Ruhe zu zu zwingen. Wenn sie Wincott gegenübertrat, wollte sie souverän wirken – nicht wie ein hektisches oder gar verschüchtertes Huhn.
Sie ging zu Nancy Hancock, Wincotts Sekretärin, und meldete sich an.
„Einen Augenblick, Miss Emmerson", sagte Nancy. „Er telefoniert noch."
Emilia nickte. „Kein Problem." Sie setzte sich auf eine elegante Ledercouch.
Die Minuten zogen sich hin. Je länger sie warten musste, desto nervöser wurde sie. Normalerweise gehörte sie nicht zu den Menschen, die sich leicht aus der Ruhe bringen ließen. Selbst wenn sie Berühmtheiten aus der Film- und Musikbranche  gegenüberstand und mit ihren Interviewfragen oft unwirsche Reaktionen hervorrief, blieb sie gelassen.
Aber Douglas Wincott war kein Interviewpartner. Er war ihr Boss. Und als solcher würde er heute über ihre Zukunft entscheiden.
Obwohl sie bisher immer mit guten Leistungen auf sich aufmerksam gemacht hatte, begann sie nun doch an sich zu zweifeln. Bei ihrem letzten Gespräch mit Wincott hatte sie alles, was sie zu bieten hatte, in die Waagschale geworfen. Prahlerei war eigentlich  nicht ihr Ding, aber aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl gehabt, dick auftragen zu müssen, um bei Wincott Eindruck zu schinden. Jetzt fragte sie sich, ob sie es nicht vielleicht übertrieben hatte.
Nein! Heute ist ein guter Tag, wiederholte sie in Gedanken. Ich werde mir diese Chance nicht nehmen lassen!
Endlich öffnete sich die Tür, und Douglas Wincott trat aus seinem Büro. Er war eine durch und durch gebieterische Erscheinung, groß, aufrecht, mit festem Blick und einer beinahe greifbaren physischen Präsenz. Mit seinem gepflegten  grauen Dreitagebart und den glatt nach hinten gekämmten grauen Haaren sah er aus wie ein in die Jahre gekommenes Davidoff-Model. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, ein weißes Hemd ohne Krawatte, den Kragenknopf leger geöffnet, und handgefertigte  dunkelbraune Oxford-Lederschuhe. Sein freundliches Lächeln wirkte wie einstudiert, seine stahlgrauen Augen strahlten eine unnahbare Kälte aus. Sein Jähzorn war legendär, und auch Emilia hatte Respekt davor, auch wenn sie ihn noch nie am eigenen  Leib zu spüren bekommen hatte. Aus irgendeinem unbestimmten Grund hatte sie das Gefühl, dass Wincott sie mochte oder dass er ihr zumindest wohlgesonnen war. Darauf gewettet hätte sie allerdings nicht ein einziges Pfund.
Wincott führte Emilia in sein Büro und bot ihr einen Platz in der Sitzecke an. „Möchten Sie einen Kaffee? Oder einen Tee?", fragte er.
Das deutete darauf hin, dass das Gespräch etwas länger dauern würde. Emilia wertete das als gutes Zeichen. „Gerne", sagte sie. „Einen Kaffee. Mit Milch und Zucker bitte."
Wincott gab den Wunsch an seine Sekretärin weiter und setzte sich Emilia gegenüber in einen Ledersessel. „Wie ist das Interview mit Amanda Carper gelaufen?"
Emilia berichtete ihm das Wichtigste – auch, dass die Reportage für die 14.00-Uhr-News zusammengeschnitten wurde.
Wincott nickte zufrieden. „Ich könnte mehr Leute wie Sie gebrauchen, Emilia", sagte er mit einem Hauch von Wehmut in der Stimme. „Jung, zielstrebig, mit dem nötigen Instinkt für gute Stories. Immer auf der Suche nach dem nächsten  Skandal. Ob Sie es glauben oder nicht – so war ich auch einmal. Das ist aber schon eine ganze Weile her." Dann erzählte er Emilia eine Anekdote aus der Zeit, in der er selbst noch Radioreporter gewesen war, bei einem kleinen Regionalsender in  Devon.
Der Kaffee kam. Emilia bedankte sich und nippte daran.
Wincott wechselte das Thema . „Nach unserem letzten Gespräch habe ich mir Ihren Vorschlag durch den Kopf gehen lassen", begann er. „Was Sie damals gesagt haben, stimmt. Sie haben zwar nicht gerade mit Eigenlob gespart, aber meines Erachtens  haben Sie sogar noch untertrieben. Ich glaube, Sie wissen gar nicht, wie wichtig Sie für den Sender sind. Und damit auch für mich."
Emilia nippte noch einmal an ihrem Kaffee. Der Auftakt ist schon mal gar nicht schlecht, dachte sie, bemüht, nicht allzu erwartungsvoll dreinzuschauen.
Wincott holte von seinem Schreibtisch ein Papier und setzte sich wieder. „Das sind Zahlen aus dem Controlling. Ich habe sie mir nach unserem letzten Gespräch geben lassen. Die Fakten sprechen für sich. Nach Ihrer Reportage über Robbies  Entziehungskur ist unsere Quote um zwei Prozent gestiegen – ein enormer Sprung. Ähnliche Resultate gab es beim Drogenskandal im Buckingham-Palast, bei der Verwüstung der Präsidentensuite im Ritz und bei der Sexorgie  des Weihbischofs von Stepney. Das ist allein Ihr Verdienst, Emilia. Und das hat sich natürlich auch positiv auf unsere Werbeeinnahmen ausgewirkt. Wenn ich in der Anfangszeit jemanden mit Ihrem Talent gehabt hätte, wäre alles viel leichter gewesen."
„Danke, Sir."
Wincott lehnte sich zurück und schien einen Moment lang in seinen Gedanken gefangen zu sein. Langsam und bedächtig legte er seine Fingerspitzen aneinander. Dann begann er zu erzählen, wie er E-TV gegen Ende der siebziger Jahre  gegründet und es mit großem Mut und noch größerer Einsatzbereitschaft zu dem gemacht hatte, was es heute war – ein unabhängiger privater Fernsehsender, der Umfragen zufolge auf den meisten britischen Fernsehfernbedienungen einen  festen Platz innehatte. Und mit ein bisschen Glück würde E-TV bald sogar zu den Global-Playern in der Medienbranche gehören.
„Zweimal wäre ich beinahe bankrott gewesen", sagte Wincott. „Aber dann habe ich eine wichtige Lektion gelernt. Seitdem ist es mit E-TV stetig bergauf gegangen." Er richtete sich wieder auf, beugte sich nach vorne, die  Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände gefaltet wie zum Gebet.
Emilia spürte, dass das Gespräch – sofern man seinen Monolog überhaupt als Gespräch bezeichnen konnte – nun in die entscheidende Phase überging.
„Diese Lektion lautet: Setze die Menschen nach ihren Fähigkeiten ein", fuhr Wincott fort. „Gib ihnen Aufgaben, bei denen sie ihre Talente am besten entfalten können. Seit ich 1984 zum zweiten Mal kurz vor der Insolvenz stand, handle  ich nach dieser Maxime. Ich habe es nie bereut."
Emilia spürte, wie ihre Nervosität wuchs. Sie griff sie wieder zur Tasse, trank jedoch nicht. Gib den Menschen Aufgaben, bei denen sie ihre Talente am besten entfalten können. „Was bedeutet das in Bezug auf mich, Sir?",  fragte sie. Wenn sie bedachte, wie aufgeregt sie war, klang ihre Stimme erstaunlich fest.
Wincott hob die Brauen und sah sie mit seinen stahlgrauen Augen an. „Das bedeutet, dass ich Sie als Reporterin brauche", sagte er. „Nicht als Programmchefin. Sie haben ein Gespür für heiße Stories, und Sie haben  die Fähigkeit, Menschen zum Reden zu bringen – über Dinge, die sie manchmal nicht mal ihrer eigenen Mutter erzählen würden. Das ist Ihre große Stärke. Sie sind nicht der Typ dafür, den ganzen Tag im Büro zu sitzen, Sendungen  zu konzipieren und Mitarbeitergespräche zu führen."
Etwas in Emilia versteifte sich, und ihr wurde schlagartig heiß. „Wenn ich mir das nicht zutrauen würde, hätte ich mich nicht beworben", sagte sie.
„Es geht nicht darum, was Sie sich zutrauen", entgegnete Wincott. „Es geht nicht einmal darum, was ich Ihnen zutraue. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass Sie als Programmchefin  einen sehr guten Job machen würden. Aber ich denke, das ist nicht das, was Ihren wirklichen Fähigkeiten entspricht. Ein Leopard kann versuchen, sich wie ein Löwe zu verhalten, aber im Grunde bleibt er immer ein Leopard. Daran ist nichts Schlimmes.  Ein Leopard ist nicht besser oder schlechter als ein Löwe. Aber man kann nicht auf Dauer etwas anderes sein als das, was man nun einmal ist."
„Menschen ändern sich", sagte Emilia, die nicht bereit war, ihren Traum so einfach aufzugeben. „Sie entwickeln sich weiter. Ich bin seit fünfzehn Jahren bei E-TV, ich habe als Volontairin begonnen, dann eine Ausbildung  gemacht. Ich habe das Geschäft von der Pieke auf gelernt. Ich habe sieben Jahre lang alle möglichen Jobs gemacht, bevor ich schließlich Reporterin geworden bin. Und jetzt ist es Zeit für den nächsten Schritt, Sir. Ich weiß , dass ich das Zeug zur Programmchefin habe."
Aber als sie in Wincotts eiskalte Augen sah, wusste sie, dass sie verloren hatte.
„Meine Entscheidung steht fest, Miss Emmerson", sagte er. „Besser, Sie freunden sich damit an, denn ich werde sie nicht mehr ändern."

Kapitel 3

Nicobar Islands

Dunkelheit. Schwerelosigkeit. Ein Meer aus Stille. Zeit spielte in dieser Welt keine Rolle. Hier gab es keine negativen Gefühle, keine Angst, keine Schmerzen, kein Leid. Nur Entspannung und Wohlbefinden.
Dennoch wusste Diego, dass irgendetwas an dieser Welt falsch war. Dass er wieder zurück musste, in sein altes Leben, so unvollkommen es auch sein mochte.
Wie aus weiter Ferne drangen Geräusche an sein Ohr, dumpf und verzerrt. Stimmen. Etwas klatschte ihm ins Gesicht. Er war noch zu benommen, um die Augen zu öffnen, aber er versuchte den Kopf zu bewegen. Es gelang ihm nicht, irgendetwas schien ihn  daran zu hindern.
Wieder ein Klatschen ins Gesicht. Dann bekam Diego auf einmal keine Luft mehr. Schlagartig war er hellwach. Noch bevor er begriff, wo er war, schwappte eine Welle über ihn. Er hustete, spuckte Wasser, riss den Mund auf und rang nach Atem. Wie von selbst  begannen seine Beine, Schwimmbewegungen auszuführen, und seine Arme wollte dasselbe tun. Aber er konnte sie nicht bewegen. Was, zum Teufel, war los mit ihm?
Endlich begriff er, dass er in einer Rettungsweste steckte, die seinen Kopf über Wasser hielt. Seine Beine waren frei, aber seine Hände hatte man ihm auf den Rücken gefesselt. Er versuchte, sich loszureißen – vergeblich.
„Er kommt zu sich."
Die Worte klangen noch immer verzerrt, aber der schnarrende Tonfall und der arabische Akzent weckten Diegos Erinnerung. Er hob den Kopf. Etwa fünf Meter vor ihm, am anderen Ende des Seils, an dem seine Rettungsweste festgebunden war, stand Khalid Aghani  in der offenen Ladeluke seiner Frachtmaschine. Die Abendbrise ließ seinen weißen Kaftan tanzen wie einen Vorhang bei geöffnetem Fenster. Der rotbärtige Glatzkopf, dessen Namen Diego schon wieder vergessen hatte, war auch  noch da. Die Maschinenpistole hatte er weggelegt.
„Wie du weißt, will ich dir ein Geschäft vorschlagen", schnarrte Khalid und machte eine ausladende Geste, wie nur ein Araber sie beherrscht, ohne dass es aufgesetzt wirkt.
Diego erinnerte sich an die missglückte Marlon-Brando-Parodie von vorhin. Ich werde dir ein Geschäft vorschlagen. Eins, das du nicht ablehnen kannst. Wie ernst war es Khalid damit? Diego kannte ihn schon seit Jahren, konnte ihn  aber immer noch nicht richtig einschätzen. Wenn Khalid gut drauf war, unterhielten sie sich wie alte Bekannte oder gar wie Freunde. Aber wehe, wenn man Khalids Zorn auf sich gezogen hatte.
„Was, wenn ich nicht auf deinen Vorschlag eingehe?", fragte Diego und zuckte zusammen. Sein Unterkiefer schmerzte höllisch. Jetzt erinnerte er sich auch wieder an den Kinnhaken, den er vorhin verpasst bekommen hatte. Mit der Zunge betastete  er die wunde Stelle in seiner Mundhöhle. Ob sein Kiefer gebrochen war, konnte er nicht sagen, aber immerhin waren noch alle Zähne an ihrem Platz. Diego nahm sich vor, sich bei nächster Gelegenheit bei dem Glatzkopf zu revanchieren. Er versuchte,  den Schmerz zu ignorieren. „Was passiert, wenn ich dein Angebot ablehne?"
Khalid schüttelte den Kopf. „Ich habe so eine Ahnung, dass das nicht der Fall sein wird, mein Freund!"
Wieder klatschte ihm eine Welle gegen den Kopf. Das Salzwasser brannte ihm in den Augen. „Ich mag es nicht, wenn man mich wie einen Hund an die Leine legt", sagte er. „Du irrst dich, wenn du denkst, dass ich dann kooperiere."
„Ich glaube, diesmal funktioniert es. Du weißt, dass ich nicht auf die subtilen Methoden stehe." Er wandte sich an seinen Helfer. „Monsieur McCoyle, zeigen Sie Mister Camaro bitte unsere Argumente."
Der Glatzkopf  verschwand im Laderaum und kam gleich darauf mit einem Eimer in der Hand zurück. Eingerahmt von seinem Vollbart und dem imposanten Schnauzer verzogen sich seine Mundwinkel zu einem süffisanten Lächeln – zu einem Lächeln,  das Diego mehr Unbehagen bereitete als die Maschinenpistole, mit der dieser Kerl ihn vorhin bedroht hatte. Was in drei Teufels Namen sollte das mit dem Eimer?
Auch Khalid lächelte wieder und wirkte dabei äußerst zufrieden. „Ich denke, wir sollten unseren Freund nicht länger warten lassen", sagte er.
McCoyle packte mit der freien Hand die Unterseite des Eimers und holte Schwung, sodass sein Inhalt sich in weitem Bogen auf Diego ergoss – ein Schwall dunkelroter Flüssigkeit, durchsetzt mit faserigen Klumpen, die einen widerwärtigen Gestank  verbreiteten.
„Wieso verziehst du das Gesicht, mein Freund?" Khalids Tonfall war aufgesetzt heiter. „Das ist frisch vom Fischmarkt in Banda Aceh. Die besten Abfälle, die dort zu finden sind."
Diego tauchte sein Gesicht ins Wasser, um das Fischblut abzuspülen. Er begann zu begreifen, was diese Inszenierung bezwecken sollte, und sein Unbehagen wuchs.
„Was denkst du? Welche werden als Erste auftauchen?", fragte Khalid und ließ seinen Blick über den Ozean streifen, als hielt er Ausschau. „Makos? Tigerhaie? Blauhaie? Oder vielleicht sogar ein Carcharodon carcarias ?"
Übersetzt hieß das, ein großer Weißer. Khalid kannte sich mit Haien ziemlich gut aus. Diego spürte ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend. Noch während er überlegte, wie er aus dieser Nummer wieder herauskommen konnte, ergoss  sich auch schon der nächste Schwall Fischabfall über ihn.
„Hör mir zu, Khalid!", rief Diego.
Aber der Araber unterbrach ihn schroff. „Nein! Du hörst mir jetzt zu!" Sein Lächeln verflog, sein Gesicht verfinsterte sich zu einer grimmigen Maske. Durch seine zu Schlitzen verengten Augen funkelte er Diego gefährlich an. Ein Habicht  auf der Jagd. „Ich denke, sogar du hast inzwischen begriffen, dass ich es ernst meine. Drei Millionen Dollar. Das ist kein Pappenstiel. Ich will mein Geld zurück, und zwar bis auf den letzten Cent, mein Freund!" Er machte eine Pause, betrachtete  Diego inmitten seiner Lache aus Fischblut. „Du hast jetzt etwas zum Nachdenken", sagte er. „Nutze die Zeit." Damit verschwand er im Innern der Frachtmaschine. McCoyle folgte ihm, schloss die Ladeluke, und Diego war allein.
„Ich dachte, du wolltest mir ein Geschäft vorschlagen, Khalid!", rief Diego.
Keine Reaktion.
„Vielleicht werde ich es tatsächlich nicht ablehnen!"
Nada.
„Komm schon! Lass uns reden wie vernünftige Männer!"
Die Ladeluke blieb geschlossen.
Verfluchter arabischer Bastard, zischte Diego in Gedanken. Khalid wollte offenbar hören, wie er bettelte. Wie er um Gnade flehte oder sogar schrie. Aber diesen Gefallen würde er ihm nicht tun. Niemals!
Zumindest jetzt noch nicht.

Es dauerte nicht lange, da tauchte die erste dreieckige Rückenflosse aus dem Wasser auf. Langsam umkreiste sie Diego. Dann eine zweite Flosse. Und eine dritte. Tigerhaie. Biester, die alles angriffen, was ihnen vor die Schnauze kam. Wie alle Haie konnten  sie Blut im Wasser über Kilometer hinweg riechen. Die Fischabfälle hatten sie direkt hierher geführt.
Noch belauerten sie Diego nur, doch die Kreise, die sie um ihn zogen, wurden immer enger. Plötzlich schoss eine der Rückenflossen direkt auf ihn zu. Diego hielt den Atem an. Er versuchte abzuschätzen, wie groß das Tier war. Vier Meter, vielleicht  länger. Kein Riese, aber dennoch für einen gefesselten Mann eine tödliche Gefahr.
Kurz bevor er Diego erreicht hatte, drehte der Hai ab. Vielleicht wollte er nur die Reaktion seiner Beute testen, vielleicht hatte er auch einen Brocken Fisch ergattert, der ihn erst einmal ablenkte.
Dann der zweite Angriff, diesmal von unten. Nur einen Meter vor Diego durchbrach eine torpedoförmige Haifischschnauze das Wasser. Rote Gischt spritzte auf wie eine Fontaine aus Blut, und mittendrin war das sichelförmige Maul des Räubers mit dem  rasiermesserscharfen Gebiss. Diego erstarrte. Er blickte direkt in den tödlichen Rachen – ein Vorgeschmack auf die Hölle. Dann klatschte die Bestie wieder in die Fluten und verschwand ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war.
Diego spuckte Wasser aus, das ihm über den Kopf geschwappt war. Sein Herz hämmerte wild. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren.
„Khalid!", rief er. „Verdammt noch mal, was ist mit deinem Vorschlag? Wenn du noch lange wartest, werde ich ihn mir nicht mehr anhören können, weil ich dann nämlich tot …"
Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment spürte er einen reißenden Schmerz am Oberschenkel. Von Panik ergriffen, schrie er auf. Nein, er schrie nicht, er brüllte so laut er konnte. Sein Bein! Ein Hai hatte ihn angefallen!
Eine Maschinenpistolensalve übertönte sein Brüllen. Um ihn herum spritzte Wasser auf. Ein Hai, der auf ihn zugeschwommen war, drehte blitzartig ab. Diego wusste nicht, ob das Tier getroffen worden war oder ob es sich nur erschreckt hatte.
Der Glatzkopf stand in der offenen Ladeluke und feuerte die nächste Salve ins Wasser. Gleichzeitig tauchten zwei andere Helfer von Khalid auf und zogen am Seil, an dem die Schwimmweste angebunden war. Diego betete, dass nicht noch eines der Biester  nach ihm schnappen würde. Langsam, viel zu langsam näherte er sich dem Flugzeug.
Die Sekunden, bis er endlich  in Sicherheit war, waren die längsten in seinem Leben. Am Boden des Laderaums liegend, hustend und Wasser spuckend, blickte er an sich hinab. Unendliche Erleichterung durchflutete ihn, als er feststellte, dass beide Beine  noch da waren, wo sie sein sollten.
Dennoch wütete ein bohrender Schmerz in seinem Oberschenkel. Die Wunde sah aus wie damals, er sich mit seinem Motorrad zu eng in die Kurve gelegt hatte.
„Da wollte wohl einer wissen, wie du schmeckst", sagte Khalid, der neben ihn getreten war und in seinem weißen Kaftan aussah wie ein Heiliger.
„Sieht ganz so aus." Diego nickte schwach. Er kannte sich gut genug aus mit Haien, um zu wissen, dass ihre Haut wie Schmirgelpapier beschaffen war. Gleichzeitig war sie durchsetzt mit unzähligen Geschmacksrezeptoren. Wenn Haie ihre Beute streiften,  brachten sie sie zum Bluten, um auf diese Weise zu erfahren, ob sie fressbar war. Genau das war Diego passiert.
„Monsieur McCoyle, darf ich Sie bitten, die Wunde zu versorgen?", sagte Khalid.
Der rotbärtige Glatzkopf löste einen Erste-Hilfe-Kasten von einer Wandhalterung, kniete sich neben Diego und begann, ihn zu verarzten, indem er die offene Stelle mit einem jodgetränkten Tuch betupfte und sie anschließend verband. Wie er das  machte, wirkte sehr professionell. Dennoch brannten das Salzwasser und das Jod in der Wunde wie Feuer.
„Nicht mehr lange, und das Bein wäre ab gewesen", sagte Khalid, nachdem McCoyle fertig war und den Verbandskasten wieder an der Halterung befestigt hatte. „Und dabei wäre es sicher nicht geblieben."
Diego, der noch immer am Boden lag, funkelte ihn mit bösem Blick an, erwiderte aber nichts. Im Moment hatte er nicht allzu viele Trümpfe auf der Hand.
Khalid nickte, offenbar zufrieden mit Diegos Reaktion. „Dir ist die Lust auf dumme Sprüche vergangen, das ist gut. Ich denke, du bist jetzt so weit, dass wir miteinander reden können wie zwei erwachsene Menschen."
Khalids Überheblichkeit provozierte Diego. Alles in ihm drängte darauf, aufzuspringen und diesen selbstgefälligen Mistkerl an seinem scheinheiligen weißen Umhang zu packen. Aber angesichts seiner eingeschränkten Möglichkeiten blieb er  liegen und hielt den Mund. Maschinenpistolen und Haie – das war Khalids Stil. Fast wie in einem James-Bond-Film. Phantasievoll und ein bisschen übertrieben. Aber effektiv. Diego musste nur noch abwarten, bis Khalid ihm vierriet, weshalb er dieses  Schauspiel für ihn inszeniert hatte.
„Acht Millionen Dollar", sagte Khalid. Er ging in die Hocke und tippte Diego mit dem Zeigefinger auf die Brust. „Das sind sechs Millionen Euro. Das ist dein Anteil – nach Abzug deiner Schulden." Er hatte die Stimme gesenkt, sie klang  auf einmal wie ein beschwörendes Flüstern. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen durch die Ladeluke und verwandelten seine Miene in den glühenden Blick eines Fanatikers.
„Wovon sprichst du?", fragte Diego.
„Von der einzigen Möglichkeit, wie wir beide wieder miteinander ins Reine kommen können."


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